Kiezmenschen

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Auf 'ne Buddel ...

Christian Feder - ein Leben in zwei Welten

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Fanny liebt Klamotten. Ständig findet sie etwas, das sie dringend haben muss. Christian hasst shoppen. Männerklamotten kauft er nur, wenn er unbedingt etwas braucht. Absolut klassisch – würde man meinen. Allerdings handelt es sich bei den Beiden um ein und dieselbe Person. Christian Feder (34) – der Mann mit dem Ankleidezimmer voller Tussifummel. Unter der Woche Mitarbeiter eines Palliativ-Pflegedienstes. Am Wochenende Fanny Funtastic – die schrille Dragqueen mit den derben Sprüchen aus der Olivia Jones-Familie.

Christian berichtet von seinem Job in der Pflege und Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen. Von Momenten, die ihn schwer bewegten. Vom Spagat zwischen Büro unter der Woche und prallem Nachtleben am Wochenende. Wie aus Christian Fanny wurde und welchen Unterschied es zwischen ihnen gibt. Von Problemen beim Schminken, skurrilen Gästen, blankziehenden Herren und unverschämten Taxifahrern. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen die schrille Dragqueen ganz ohne Fummel und Schminke auf dem Kiez.

Jürgen Prey, der Kiezkapitän mit dem großen Herz

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Jeden Morgen bleibt er einen Moment in der Haustür stehen und schaut auf seine „fantastische Straße“ mit dem Kopfsteinpflaster, den Bäumen und den besonderen Menschen, von denen er viele kennt. Und die ihn kennen. Als Seemann „Halbe Lunge“. Der Typ mit dem Irokesen-Haarschnitt, der früher als Kapitän in der Welt unterwegs war. Der seine beiden Autos auch mal für einen Urlaub an andere Kiezianer verleiht, Obdachlosen hilft und als Aktivist Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet hat. Jürgen Prey (56) ist der Kapitän vom Kiez mit dem großen Herz.

„Halbe Lunge“ berichtet von „Nutten, Schnaps und Zigaretten“. Von der Einsamkeit auf großer Fahrt und den Häfen voller Mädchen. Davon wie anders es mit Prostituierten in Südamerika abläuft. Von seinem Wunsch zu helfen – als Anwohner auf dem Kiez und als Kapitän auf dem Mittelmeer. Er spricht über seine Missionen für „Sea-Watch“. Von den Geretteten, den Toten, dem Geruch der Leichen und diesem einen Moment, den er niemals vergessen wird. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen den Seemann in seiner Wohnung auf St. Pauli.

Peter und Marc Lüllemann vom Mini-Grill

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Gerade mal 28 Quadratmeter inklusive Lagerräume misst der „Mini-Grill“ an der Clemens-Schultz-Straße. Doch der 1966 eröffnete Imbiss ist eine Institution auf dem Kiez. Ein Ort, an dem sich Nachbarn auf einen Schnack treffen, einsame Senioren jemanden zum Reden finden und Obdachlose umsonst etwas zu Essen bekommen. Auch für Peter Lüllemann (62) eine ganz besondere Welt. 33 Jahre lang stand er hinterm Tresen. Jetzt hat er das aktive Geschäft schweren Herzens seinem Sohn Marc (31) übergeben.

Vater und Sohn liefern sich einen Schlagabtausch, diskutieren über vegetarische Produkte, Trüffelmayonnaise und vegane Hähnchen. Peter erzählt von den Anfängen des Ladens in einem „verdreckten, rauen Viertel“. Von einem unverschämten Luden, einsamen Senioren und einem durchgedrehten Kunden. Und was Hähnchen mit Sex zu tun haben. Sohn Marc berichtet, warum er eigentlich nie in den Imbiss mit einsteigen wollte. Er erzählt von besoffenen Engländern, Veränderungen auf der Speisekarte und seinem großen Traum. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen die neue und alte Generation des „Mini-Grill“ auf dem Kiez.

Tischler und Schauspieler Lars Nagel

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Die große Nase, das kantige Gesicht, der durchdringende Blick. Dazu noch die tiefe Stimme. Keine Frage: Lars Nagel (49) ist der Gangstertyp. Dabei wäre er gerne mal Arzt, Geschäftsmann oder Anwalt. Doch für die Rollen wird der Schauspieler nicht besetzt. „Luden, Kriminelle – ich bin halt für die Halbwelt zuständig“, sagt der lässige Typ, der nicht Hochdeutsch, sondern Norddeutsch spricht. Seit 20 Jahren lebt er auf dem Kiez. Seine „Neverland-Ranch“ – auf der alles möglich ist. Hier wurde der Handwerker zum Schauspieler.

Der Tischler berichtet von seiner Kindheit im Familienbetrieb. Wie er nicht ganz legal an seine Wohnung auf dem Kiez kam und wodurch er vom Handwerker zum Schauspieler wurde. Er erzählt von mies gelaunten Regisseuren und ihrem Lieblingsspruch, den er nicht mehr hören kann. Warum die Arbeit am Set längst nicht so spannend ist, wie Außenstehende meinen. Wie er sich auf seine Rolle als „Nasen-Ernie“ im Film „Der Goldene Handschuh“ vorbereitete und welche Rolle er gerne mal spielen würde. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen den Schauspieler in seiner Wohnung an der Wohlwillstraße.

Fahrlehrer Nils Larsen

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Sein Urgroßvater Albert war da so reingerutscht. Damals, als die Fahrzeuge noch aussahen wie Pferdekutschen. Sein Großvater machte weiter und ließ seinem Vater keine andere Wahl. Für Nils Larsen (59) jedoch stand fest: Nach drei Generationen ist Schluss. Er wird die „Fahrschule Larsen“ auf keinen Fall übernehmen. Heute ist er Chef der ältesten Fahrschule St. Paulis an der Hein-Hoyer-Straße.

Nils Larsen berichtet von den Anfängen der Fahrschule, in der Wohnung seiner Urgroßeltern – direkt neben dem Schlafzimmer. Von Mittagessen mit Prüfern, die gerne mal ein Auge zudrückten. Und seiner Oma, die in Unterwäsche den Theorieunterricht unterbrach. Von Zuhältern, die sich die Fragebögen der Theorieprüfung ergaunerten und Volltrunkenen, die mal eben ihren Lappen machen wollen. Nils erzählt, warum ihm eine Hure am Fenster in der Herbertstraße Geld zusteckte und wie ein Türsteher reagierte, als dessen Hintermann sich erdreistete zu hupen. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen den Fahrlehrer auf dem Kiez.

Innensenator Andy Grote

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Bereits als Student war er hier. Später als Rechtsanwalt und Bezirkspolitiker. Auch heute kehrt Innensenator Andy Grote (54) noch gerne in den Silbersack ein. Und hat es auch vor, „wenn sich die meisten schon nicht mehr dran erinnern können, dass ich auch mal Innensenator war“, sagt der SPD-Politiker. Er lebt seit 21 Jahren auf St. Pauli. Kiezianer, FC St. Pauli-Fan und Innensenator – das kriege er ganz gut unter einen Hut. „Man wird ja auch kein anderer Mensch dadurch, dass man ein neues Amt übernimmt.“

Der Innensenator berichtet über seine Anfänge auf dem Kiez – als Student in einer Wohnung mit Blick auf den Silbersack. Damals war er schwer unterwegs. Von der Faszination St. Pauli, in die er schnell reingeraten sei. Von dem Gefühl, dass der Silbersack in ihm auslöst und dem einen Mal, als er als Kellner einspringen musste. Er berichtet von „Schrägguckern“ auf der Straße, politischen Diskussionen am Tresen und dem Anschlag auf seinen Dienstwagen – in dem auch sein kleiner Sohn saß. Von der größten negativen Entwicklung im Viertel und was er gerne machen würde, wenn er sein Amt mal für einen Abend an der Tür abgeben könnte. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen den Innensenator im Silbersack.

Didine van der Platenvlotbrug

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Daniel Plettenberg (53) hat etliche Jahre verplempert. Damit, irgendwie in diese Welt zu passen. Zu studieren, zu überlegen, welchen Beruf man braucht. Doch er und diese Welt – das passte einfach nicht. „Irgendwann habe ich die Kraft gefunden, mir selbst zu erlauben, ich zu sein. Ich muss nicht reinpassen. Ich kann in meinen Merkwürdigkeiten wundervoll sein“, sagt der Mann, der vor 30 Jahren seiner Extravaganz Raum ließ und Tunte und Dragqueen Didine van der Platenvlotbrug wurde. Eine „queere Mum“, die als Entertainerin, Moderatorin, Performarin und Philosophin auf der Bühne steht und es liebt, einfach nur sie selbst zu sein.

Didine berichtet, wie sie schon in der Grundschule versuchte die Jungs zu verführen und merkte, dass die Welt keinen Platz für sie hat. Sie erzählt von ihrem Coming-Out in Hamburg und Anfeindungen auf der Straße. Von dem weiten Weg zu sich selbst. Und dem Beginn ihres Tuntendaseins. Sie berichtet von ihren unterschiedlichsten Jobs – von der Parfummacherin bis hin zur Philosophie-Dozentin an Universitäten. Und den Menschen auf dem Kiez, die es ihr ermöglichen, so zu sein, wie sie ist. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen Didine zum Tee in ihrer Wohnung auf St. Pauli.

Timo Strohmann alias Cäptn Clepto

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Cäptn Clepto (51) ist ein erfreulicher Fall von Verhaltensauffälligkeit. Das sagt zumindest ein Kiez-Kumpel über den langhaarigen Typen mit Schnauzer. Im Morgenrock geziert von pinken Flamingos sitzt er in der „Küche für alle“ eines selbstverwalteten Wohnkollektivs auf St. Pauli und trinkt Kamillentee. Verhaltensauffällig? Das würde Cäptn Clepto so nicht sagen. „Ich gehe beschwingt durchs Leben, umarme gerne Menschen und kleide mich farbenfroh. Mein Name ist James Bunt, um mal ganz witzig zu werden“, sagt Timo Strohmann, wie er mit bürgerlichem Namen heißt. Ein Lebenskünstler. Ein Paradiesvogel mit breitem Hamburger Slang, der sich selber als Botschafter des Skateboardens sieht und bekannt wurde als Galionsfigur des Streetwear-Labels Cleptomanicx.

Cäptn Clepto berichtet, wie ihn eine Karte aus der Karibik zur Galionsfigur machte. Von seinem „Rausschmiss“ aus Kiel und dem Weg nach Hamburg. Von der Gründung der Skatergang „Cobracabana“. Von seinem Auftritt als Ei in einem Astra-Werbespot. Wie er zum FC St. Pauli-Fanclub „Ramba Zamba“ kam und Teil eines selbstverwalteten Wohnkollektivs auf St. Pauli wurde. Und er spricht über seinen großen Traum. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen den kunterbunten Cäptn auf dem Kiez.

Tomas Benakovic, Kindheit in der Hans-Albers-Klause

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Tomas Benakovic (48) ist als Unternehmer, Filmproduzent und Gastronom in der ganzen Welt unterwegs. Dabei begann seine „Geschäftstüchtigkeit“ damals auf dem Schulhof. Mit „vom Laster gefallenen“ Jeans, die er an Mitschüler vertickte. Da war „Tomi“ gerade mal 14 Jahre alt. Seine Kindheit geprägt von Kneipe, Milieu und Jugendgang. Aber auch von Zusammenhalt und der Liebe seiner Oma und Mutter. Sein Weg führt ihn immer wieder zurück zu seinen Wurzeln. Dieses eine, tiefe Gefühl – das hat er nur auf St. Pauli. „Du kannst aus dem Ghetto, aber dein Ghetto nicht aus dir. Ich bin und bleibe Kiez“, sagt der Mann mit dem akkurat gestutzten Bart und den nach hinten frisierten Haaren. Er ist Inhaber der „Hans-Albers-Klause“ an der Friedrichstraße. Dem Ort seiner Kindheit.

Tomas berichtet von seinen ersten Erinnerungen an die Klause. Von seiner alleinerziehenden Mutter und Stammgästen, die sich liebevoll um ihn kümmerten. Er taucht ein in den Kiez seiner Kindheit. Kleine Geschäften rund um die Wohnung an der Talstraße, kreidebleiche Drogenabhängige auf dem Schulweg, Huren, Luden und Betrunkene. Er berichtet von dem großen Zusammenhalt auf dem Kiez und seiner „Ghetto-Romantik“. Von skurrilen Begegnungen auf dem Transenstrich und harten Kerlen, die er so sehr bewunderte. Von krummen Geschäften und seinem Absprung. Und vom heutigen Kiez – einem „Spielplatz für Idioten“. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen den Tausendsassa in der Hans-Albers-Klause.

Julia Radojkovic von der Bullysuppenküche

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Julia Radojkovic (59) braucht erst mal einen Kaffee. Gestern war wieder so ein Tag. 16 Stunden war sie unterwegs – bis 2 Uhr nachts. Keine Seltenheit. Besonders jetzt. „Sobald der Frost kommt, fahre ich nachts noch mal alleine rum und verteile Essen und Kleidung“, sagte die blonde Frau. Sie ist Gründerin der „Mobilen Bullysuppenküche“ und schuftet häufig 70 Stunden die Woche, um anderen zu helfen. Menschen, die ein Leben im Abseits führen. Die in Armut leben. Eine Erfahrung, die auch Julia schon machen musste. Und wahrscheinlich auch wieder machen wird.

Die engagierte Frau berichtet, wie vor neun Jahren alles anfing. Als sie krank war und ihren alten Job nicht mehr weitermachen konnte und wollte. Von ihrer ersten Essensverteilung an Obdachlose. Von dem ersten eigenen Standort des Vereins, der jetzt auf dem Kiez eröffnet. Von drogenabhängigen Jugendlichen, wohnungslosen Frauen und ihren beiden „Königskindern“. Von der aktuell schwierigen Lage auf den Straßen und dem Mangel an Lebensmitteln. Und von dem Weg in die Armut – auch ihrem eigenen. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen die beeindruckende Vereinsgründerin in der Kleiderkammer der „Bully-Ecke“ am Hein-Köllisch-Platz.

Über diesen Podcast

Von Rotlicht bis Blaulicht, von Glamour bis Gosse – jede Woche trifft die MOPO Menschen, die den Hamburger Kiez prägen. Sie nehmen uns mit in ihre Welt, plaudern offen über Persönliches und legendäre Geschichten. Diese Menschen sind es, die den weltweiten Ruf von St. Pauli ausmachen. Herzlich, persönlich, nah dran. Der Podcast erscheint begleitend zur Serie „Kiezmenschen“ in der Wochenendausgabe der Hamburger Morgenpost.

von und mit Hamburger Morgenpost

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